Lieber Herr Grass…

Lieber Herr Grass…

Lieber Herr Grass,

In den letzten Tagen bin ich wehmütig, im Kopf Szenen in denen vermehrt Worte mit dem Anfangsbuchstaben “K” vorkommen.
Zum einen “K” wie Klepp. Mit bürgerlichem Namen Egon Münzer, begeisterter Fan des englischen Königshauses, etwas beleibt, mit hässlich schiefem Geschlecht, aber ein wahrlich begnadeter Flötist und Jazzmusiker. Mitbewohner von Oskar Bronski, mit dem er – zum Vorteil von beiden – eine Jazzband gründet. Selbige spielt zunächst erfolglos im Düsseldorfer “Einhorn”, hat aber dann ihren grossen Durchbruch im Zwiebelkeller des Gastwirts Ferdinand Schmu. Oskar trommelnd, Klepp flötend, die Gäste auf kleinen Hackbrettern Zwiebeln schneidend und sich hemmungslos dem Fluss der Tränen hingebend, mehr der Musike als der Zwiebeln wegen.

Zum anderen “K” wie Krankenschwester und Kokosteppich. Schwester Dorothea Köngetter, blond, aber unter Haarausfall leidend, Leserin von Kriminalromanen und ebenfalls Mitbewohnerin von Oskar. Dieser spioniert ihr hemmungslos nach und hegte eine geheime Leidenschaft für die Krankenschwester, der er aufgrund Ihrer Arbeitszeiten im Marienhospital jedoch nie begegnet. Bis zu jenem Tag, an dem Oskar und Klepp Ihrem Vermieter Zeidler helfen im Flur der gemeinsamen Wohnung einen Kokosläufer – wieder “K” -zu verlegen. Der abgeschnittene übrig gebliebene Rest findet seinen Platz vor Oskars Bett. In der darauffolgenden Nacht führen ein dringendes Bedürfnis und der nichtauffindbare Schlafanzug Oskars dazu, dass er sich nackt in den Koksofaserrest eingewickelt auf dem dunklen Korridor wiederfindet. Dort im folgenden von Schwester Dorothea irrtümlicherweise – die Kosfaser – für Satan gehalten wird und tatsächlich sogar Geschlechtsverkehr mit ihr gehabt hat, wenn ihn nicht ein kleiner Anfall von Impotent daran hindern würde.

Die Kokosteppich Szene, lieber Herr Grass, ist eine meiner liebsten Szenen aus Ihrem Buch “Die Blechtrommel”, neben vielen anderen. Wie ich auch die meisten Ihrer Bücher sehr mag. Insbesondere die “Danziger Trilogie”, aber auch “Kopfgeburten”, “örtlich betäubt”. Mit manchen tat ich mich auch schwer. Ich habe Ihre Texte immer verschlungen, liebe die Art wie Sie schreiben, wie Sie “be”-schreiben. Den Rhythmus Ihrer Sprache, wie Musik. Danke für die vielen Anregungen, die Freude an Lesen und Sprache, den Humor, die Vielschichtigkeit.
Ich glaube, dass es in den letzten Jahren für sie nicht ganz so einfach war. Einmal habe ich für eine deutsche Tageszeitung eine Karikatur über sie gemacht. Gerade jetzt kommt mir der Gedanke, dass Sie sie wahrscheinlich nicht gesehen haben und auch nie mehr sehen werden. Trotzdem füge ich sie anbei.

Heute Abend werde ich Ihnen zu Ehren eine Zwiebel schälen und dabei ein bisschen weinen, mehr Ihres Todes, als der Zwiebel wegen.

Mit hochachtungsvollen Grüßen Ihre Verehrerin Anja Nolte

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